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Literatur

Artikel im Themenheft "Familienklassen" der Zeitschrift Lernen Konkret

 
Nicole Stiller
Nicole Stiller
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Isabelle Knopp

 

"Wie Familienklasse? - Das ist aber schwierig, oder?!"

Zur Ausbildungssituation der Lehramtsanwärter/innen in Familienklassen
 
Diese oder ähnliche Reaktionen vieler Lehramtsanwärterkollegen auf unser Berichten über das von uns gewählte Bedingungsfeld zeigen eine gewisse „Skepsis“ hinsichtlich der Anforderungen, die das Bedingungsfeld Familienklasse an die Lehrer stellt. So wird im Allgemeinen angenommen, dass durch die leistungs- und altersheterogene Zusammensetzung der Schülerschaft ein erhöhter Differenzierungsbedarf besteht, der zugleich mit einem gewissen Maß an „Mehrarbeit“ im Vergleich zu der Arbeit in Jahrgangsstufenklassen verbunden ist. Diesem in der Ausbildungssituation – in der Rolle der Lehramtsanwärterin – gerecht zu werden, wird häufig als besondere Herausforderung angesehen, die eine qualifiziertere Ausbildung vermuten lässt. Der Frage, ob die Ausbildung in einer Familienklasse wirklich eine „besondere“ Herausforderung ist, soll im Folgenden nachgegangen werden.
 
Mit Beginn der Ausbildung wird den Lehramtanwärtern die Möglichkeit gegeben, zwischen Jahrgangsstufenklassen und Familienklassen als Ausbildungsklassen zu wählen (Angebotscharakter des Ausbildungskonzeptes der TWS). Zur Gewinnung eines ersten Eindrucks erstellen dazu potentielle Ausbildungsklassen ein Klassenprofil in schriftlicher Form, welches die Schülerstruktur der Klasse und etwaige inhaltliche Schwerpunktsetzungen offen legt. Dies ermöglicht bereits vor Beginn der Hospitationsphase in unterschiedlichen Klassen eine erste Orientierung nach dem Ankommen an der Schule.
 
Wie so häufig, stand auch unsere Entscheidung für eine Familienklasse als Ausbildungsklasse bereits nach dem ersten Eindruck fest. Dieser erste Eindruck war insbesondere von einem Gedanken geprägt: „Selbst die Schüler mit Schwerstmehrfachbehinderung arbeiten erstaunlich selbstständig!“. Dies entgegen der Vermutung der Ausbildungslehrerin, die die Klasse am Hospitationstag allein unterrichtete und angesichts des „veränderten“ Stundenablaufs den Gedanken hatte: „Wir kriegen sowieso keine LAA!“.
 
Bei der Entscheidung für eine Familienklasse als Ausbildungsklasse wurde von uns zunächst keineswegs die oben angesprochene „besondere Herausforderung“ im Sinne einer „Mehrarbeit“ gesehen, sondern eher die Vielfalt der Lernmöglichkeiten, die die Familien-klassen an der TWS bieten. Zudem weckten die durch die Familienklassenstruktur in den Vordergrund tretenden Aspekte des sozialen Lernens, des Helferprinzips und der verstärkten Förderung der Übernahme von Verantwortung der Schüler unser Interesse an diesem Bedingungsfeld.
 
Auf den bisherigen Ausbildungszeitraum zurückblickend lassen sich nun drei wesentliche, „besondere“ Lernmöglichkeiten bzw. „Anforderungen“ formulieren, die Lehramtswärter innerhalb der Ausbildung in Familienklassen nutzen können, bzw. vor die sie gestellt werden:
  1. LAA lernen verstärkt Möglichkeiten innerer und äußerer Differenzierung
  2. LAA lernen vielfältige Kooperationsmodelle kennen
  3. LAA erweitern Kompetenzen im Bereich der Förderung des Sozialverhaltens

1. LAA lernen verstärkt Möglichkeiten innerer und äußerer Differenzierung

Aufgrund der Leistungs- und Altersheterogenität der Schülerschaft werden unterrichts-differenzierende Maßnahmen erforderlich, die zum einen das Lernen in leistungs- und/oder altershomogeneren Gruppen innerhalb des Klassenverbandes ermöglichen, und die zum anderen den individuellen Lernbedürfnissen der Schüler gerecht werden. So werden z. B. im Rahmen des Kunstunterrichts in der Familienklasse 2 (7 Schüler, 5 Schülerinnen) nach einem gemeinsamem Einstieg ins Thema fast immer zwei Lerngruppen gebildet, in welchen die leistungsschwächeren Schüler und die leistungsstärkeren Schüler jeweils in einer Gruppe zusammenarbeiten. Diese Form der Differenzierung ermöglicht allen Schülern, ihren individuellen Fähigkeiten entsprechend und ungestört zu arbeiten: Da einige der leistungsstärkeren Schüler bereits hohe Ansprüche an die Qualität der eigenen Arbeit stellen (z. B. beim Herstellen einer Collage), fühlen sie sich teilweise durch leistungsschwächere Schüler gestört, die sie durch das „Verwuseln“ ihres Materials darin einschränken könnten. Durch die Differenzierung in zwei Lerngruppen wird auch die Aufgaben- und Material-differenzierung vereinfacht, so dass beide Lerngruppen an unterschiedlichen Aufgaben arbeiten können, ohne sich von der jeweils anderen Aufgabe ablenken zu lassen. Die leistungsschwächeren Schüler erhalten dadurch zudem die Möglichkeit, in Ruhe in individuellem Arbeitstempo zu agieren, und ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln.  
 
Weiterhin werden zwei wesentliche Maßnahmen äußerer Differenzierung notwendig: Die Differenzierung in Kulturtechniken, die innerhalb des klassenübergreifenden Kurssystems verwirklicht wird, sowie der „gemeinsame“ Unterricht von Kooperationsklassen in den Fächern Sport und Schwimmen. Innerhalb des Unterrichts zweier Partnerklassen können auf diese Weise durch Maßnahmen innerer Differenzierung mehrere Schüler unterschiedlicher Leistungs- und/oder Altersgruppen gebildet werden. So werden z. B. im Sportunterricht der Familienklassen 2 und 4 verschiedene Bewegungslandschaften, die im jeweiligen Interessenbereich der Schüler liegen, angeboten. Zudem wird eine Differenzierung nach Schwierigkeitsgraden für mehrere Schüler möglich (z. B. Rundenvorgaben für leistungs-stärkere Schüler sowie keine Mindestvorgaben für leistungsschwächere Schüler).
 
All dies erfordert eine möglichst ausdifferenzierte Methodenkompetenz seitens der Lehrkräfte, und stellt daher in diesem Bereich ein optimales Lernfeld für Lehramtsanwärter dar.
 

2. LAA lernen vielfältige Kooperationsmodelle kennen

Neben den üblichen Formen von Kooperation an der Schule für Geistigbehinderte, wie z. B. mit Lehrern innerhalb des Klassenverbundes, Krankengymnasten, Sprachtherapeuten, etc., eröffnen sich durch das Konzept der Familienklasse an der TWS weitere Kooperationsfelder. Zu diesen zählen der Austausch mit Lehrkräften der Kooperationsklasse (z. B. im Hinblick auf die Planung des Sport- und Schwimmunterrichts, sowie im Rahmen gemeinsamer Klassenfahrten und Ausflüge), mit Kurslehrern der Schüler der eigenen Familienklasse sowie mit Klassenlehrern von Schülern der von uns unterrichteten Kurse, und letztlich mit den für den Trainingsraum zuständigen Lehrkräften. Auf diese Weise werden Absprachen hinsichtlich einer gemeinsamen Planung und Durchführung von Unterricht, sowie der Austausch von Informationen mit vielen Lehrkräften notwendig, was bereits in der Ausbildung der Ausdifferenzierung von Kommunikations-, Kooperations- und Teamfähigkeit dienlich ist.
 

3. LAA erweitern Kompetenzen im Bereich der Förderung des Sozialverhaltens

Insbesondere bedingt durch die Altersheterogenität der Schülerschaft erhalten Formen sozialen Lernens innerhalb von Familienklassen besonderen Stellenwert. So ist bspw. die Förderung der Hilfs- und Kooperationsbereitschaft unter den Schülern, von Empathie und des Umgangs mit Konflikten als förderlich im Hinblick auf ein von Toleranz und Akzeptanz geprägtes Klassenklima zu sehen, da die Schüler unterschiedliche, altersbedingte Interessen vertreten und diese innerhalb des Unterrichts berücksichtigt werden müssen. In dieser Hinsicht kann eine Familienklasse auch als Herausforderung für die Schüler betrachtet werden, da diese in der Situation sind, unterschiedliche Interessen und (Lern-)Bedürfnisse zu tolerieren und zu akzeptieren. Hier stellt sich den Lehrkräften – und damit den Lehramtsanwärtern – die Aufgabe, neben den alltäglichen Reaktionen, Interventionen und Lösungsstrategien angesichts etwaiger Interessenkonflikte der Schüler Lernmöglichkeiten zu schaffen, innerhalb derer die divergierenden Interessen der Schüler integriert werden können, und soziales Lernen ermöglicht wird. Dies wird bspw. durch die Auswahl entsprechender Sozialformen innerhalb des Unterrichts (z. B. Partnerarbeit, Schülerzusammensetzung nach Alter und/oder Interessen im Rahmen von Gruppenarbeit), dem Einbezug der Schüler in die Planung von Unterricht (Berücksichtigung ihrer Interessen), sowie durch die Gestaltung eines gemeinsamen Spielnachmittages zweier Familienklassen oder in der Anwendung eines Verstärkerkonzeptes zur Förderung des Sozialverhaltens verwirklicht. So werden bspw. im Rahmen des „Herzchenplans“ (Verstärkerkonzept der Familienklasse 2) alle Schüler miteinbezogen: Die Schüler sind in der Situation, gemeinsam daran zu arbeiten, dass sich alle Schüler entsprechend ihrer individuellen Möglichkeiten an die gemeinsam formulierten Verhaltensregeln (im Bereich des Sozialverhaltens) halten, um gemeinsam eine Herzchenparty feiern zu können (positiver sozialer Verstärker). Daneben können soziale Lernspiele eingesetzt werden, um die Kompetenzen der Schüler in diesem Bereich zu fördern.
 

Vorteile der Ausbildung in Familienklassen

Als ein wesentlicher Vorteil ist zunächst die Altersheterogenität der Schüler zu nennen, die Lehramtsanwärtern bereits zu Beginn ihrer Ausbildung das Unterrichten von Schülern unterschiedlicher Altersstufen ermöglicht. In diesem Zusammenhang ist das Erlernen von Differenzierungsmaßnahmen zu nennen, die für eine qualifizierte Ausbildung förderlich sind.
 
Ein weiterer Vorteil wird in der Heterogenität der Behinderungsformen der Schüler gesehen, da Lehramtsanwärter durch die anteilige Zusammensetzung von Schülern mit Verhaltensauffälligkeiten, Autismus, Schwerstmehrfachbehinderung und als „unauffällig“ zu bezeichnen-den Schülern unterschiedliche Lernvoraussetzungen der Schüler und diesen gerecht werdende didaktische Methoden berücksichtigen müssen.
 
Diese – von uns als vorteilhaft für unsere Ausbildung angesehenen – Aspekte könnten ebenso als besondere Anforderungen verstanden werden, die an Lehramtsanwärter in Familienklassen gestellt werden. Obschon sich doch jede Schülerschaft einer Klasse an einer Schule für Geistigbehinderte durch stark heterogene Lernvoraussetzungen auszeichnet, wird vor dem Hintergrund der ausgeprägten Altersheterogenität der Schüler einer Familienklasse eine erweiterte Differenzierung notwendig. Diese wird spätestens dann offenkundig, wenn hinter Taschen, Kisten, Teichkescher und Gummistiefeln, Tüten und Rucksäcken doch noch das Gesicht der Lehramtsanwärterin entdeckt wird, und ein Koffertrolli als das passendste Geburtstagsgeschenk erscheint.

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Zuletzt aktualisiert von familienklassen am 22.02.2010, 23:38:48.